Künstlerin Oxana Mahnac

Oxana Mahnacs Bilder prägen sich ein, wie die erste Begegnung mit einem charismatischen Menschen. Es scheint, als ob ihre Figuren den Raum betreten und alle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Sind es die gewagt kräftigen Farben, die auf den Blick des Betrachters geradezu magnetisch wirken, sind es die ausdrucksstarken Augen und sinnlichen Münder ihrer Figuren oder die kühne Linienführung – sich der Ausstrahlung dieser Bilder zu entziehen gelingt kaum.

Oxana Mahnac wurde 1970 ist in Nishnij Tagil, einer großen Industriestadt im Ural geboren und wuchs dort an der Grenze zwischen Europa und Asien auf. Ihr Elternhaus förderte ihr musisch-künstlerisches Talent früh. Sie besuchte eine künstlerische Schule und erhielt eine fundierte musikalische Ausbildung, bevor sie Ihr Studium an der weltweit anerkannten Akademie für angewandte Kunst in Nishnij Tagil aufnahm.

In der russischen Kulturgeschichte spielen die Akademien für angewandte Kunst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert eine Vorreiterrolle auf dem Weg in die Moderne, da sie das Primat der konservativen Kunstakademien aufhoben und der aufstrebenden Avantgarde eine Plattform boten.

Oxana Mahnac absolvierte ihr Studium von 1990-95, einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen in Russland. Mit wachem Blick nahm sie gesellschaftliche Strukturen und Wandel weit über Russlands Grenzen hinaus wahr, befasste sich intensiv mit der europäischen und amerikanischen Kultur und entwickelte ihren kosmopolitischen Geist, der ihre Kunst wesentlich prägt.

Ihren Diplom-Abschluss an der Akademie erlangte sie 1995 zum Thema „Element Frau“. Im Almanach zu 50. Jubiläum des Instituts im Jahr 2009 wird Oxana Mahnac unter den besten Studenten in der Geschichte des Instituts mit Abbildungen ihrer Arbeiten aufgeführt. Persönliche Veränderungen führten Sie 1996 nach Deutschland. Heute lebt Sie mit ihrer Familie in Berlin.

Der Aufbruch nach Berlin hat ihre Kunst maßgeblich beeinflusst. Unter dem Eindruck des neuen kulturellen Umfeldes und ihrer emotionalen Befindlichkeit im Umgang mit der neuen Kultur löste sich die Künstlerin vom klassischeren, farblich zurückhaltenderen Malstil ihrer Jugend und ihre ganz und gar unverwechselbare persönliche Handschrift reifte heran.

Mit viel Sensibilität für die alltäglichen Dinge des Lebens entfaltet Oxana Mahnac in ihren Bildern ein ganzes Universum menschlicher Charaktere und zwischenmenschlicher Beziehungen. Mit minimalistischen stilistischen Mitteln gelingt es ihr eindrucksvoll, menschliche Emotionen zu spiegeln. Ein gesenktes Augenlid, eine Neigung des Kopfes, eine kess geschwungene Hüfte, eine bewusst extrem versetzte Pupille, übersteigerte beschützende, rege Hände oder ein zum Kuss geformter Mund eingebettet in intensive Farbigkeit sprechen förmlich aus den Bildern.

Mit unerschöpflicher Vielfalt variiert sie das Thema Akt mit einer unverkennbar weiblichen Sicht auf das ewig lockende Weib. Ihre Akte sind von lasziv, sinnlich, lässig oder provokant bis mädchenhaft zart und strahlen eine subtile Erotik aus. Nicht vordergründige Schönheit fasziniert den Betrachter, sondern die in ihrer Unvollkommenheit ganz und gar bezaubernden Geschöpfe gewinnen allein durch Gestik und Haltung ihren Reiz.

Auch die Schilderung zwischenmenschlicher Interaktion gelingt der Künstlerin auf unnachahmliche Weise. Ihre Paare, mitunter innig einander zugeneigt, mitunter im Spannungsfeld von Konflikten gezeigt, berühren den Betrachter ebenso wie die Darstellungen von Mutter und Kind oder von Mensch und Tier, die sie mit melancholischem oder heiterem Blick variiert.

Oxana Mahnacs Kunst entzieht sich jeglicher kunsthistorischer Terminologie, kein „Ismus“ erfasst ihr Werk. Es gelingt ihr, die Errungenschaften der Moderne zu absorbieren und zu einem ganz eigenen unverwechselbaren Stil zu verschmelzen. Gauguins und Cezannes postimpressionistischer Aufbruch zu freier Form und Ausdruck, Picassos kubistisches Aufbrechung der Perspektive, die expressionistische Loslösung der Farbe vom Naturvorbild, die Radikalität der Russischen Avantgarde um die Gruppe Karo Bube und Chagall sowie die Rückkehr Willem de Konings und anderer von der Abstraktion in eine neue Figuration mögen ihr Werk ebenso inspiriert haben wie die alt christliche und russische Ikonenmalerei mit ihrer flächigen Aufhebung der Raumtiefe, die die Figuren der diesseitigen Welt entrückt.

Oxana Mahnac hat sich einen einzigartigen, unverwechselbaren Stil erarbeitet, der sie aus dem unüberschaubaren Feld zeitgenössischer Kunst deutlich heraushebt. Ihre Fantasie und Beobachtungsgabe ist unerschöpflicher Quell für eine Vielfalt an Themen und Charakteren, die trotz ihrer intensiven Farbigkeit und Schönheit niemals in dekorativer Oberflächlichkeit verharren, sondern von intensivem Ausdruck und künstlerischer Tiefe zeugen.

Kunsthistorikerin Angela Mahmoud